KAHIBA, Heinrich von Kalnein ⁄ Gregor Hilbe ⁄ Christian Bakanic

Der Name der neuen Formation um den in Graz lebenden, gebürtigen Deutschen Heinrich von Kalnein lässt sich schnell erklären. KAHIBA ist ein Akronym und setzt sich aus den ersten beiden Buchstaben der Nachnamen der drei Musiker zusammen: von Kalnein (Flöte, Alt– und Tenorsaxofon), Gregor Hilbe (Schlagzeug und Elektronik), Christian Bakanic (Akkordeon, Piano und E–Piano). Doch der Name ist mehr als nur spaßiges Jonglieren mit Buchstaben. Im Sanskrit zum Beispiel bedeutet das Wort »Kahiba« »I shall speak«, in der Sprache der australischen Aboriginies wiederum »being active«. Und durch diese verschiedenen Bedeutungen erfährt dann auch der Titel des CD–Debüts dieses deutsch–schweizerisch–österreichischen Trios, »Global Dialects«, eine inhaltliche Erweiterung.

Global Dialects

Sich verständlich machen, aktiv werden, Grenzen und Barrieren überwinden: Durch Sprache verständigen sich Menschen, kommunizieren miteinander, tauschen Informationen aus, reflektieren Gedanken, Gefühle und Emotionen. Dabei ist die Universellste aller Sprachen die Musik: weil sie ins Unterbewusste zielt und die Menschen direkt erreicht — gleichgültig, wo auf der Welt sie produziert oder gehört wird. All das trifft natürlich auch und gerade auf improvisierte Musik zu. Das Trio KAHIBA mit von Kalnein, Hilbe und Bakanic ist ein Glücksfall, in deren Improvisationsmusik sich all die oben beschriebenen Eigenschaften bündeln. Drei verschiedene Musikerpersönlichkeiten treffen hier aufeinander: alle gleichermaßen autark wie erfahren, mit einem eigenen Willen und einem stupenden instrumentaltechnischen Können ausgestattet, um aus dem Stegreif zusammenzuarbeiten und ad hoc ein so flüchtiges Kunstwerk zu errichten, wie es improvisierte Musik nun einmal ist.

Past

Heinrich von Kalnein, 1960 in Baden–Baden geboren und der älteste der Drei, war lange Zeit als Saxofonist ein gefragter Sideman, bevor er 1995 mit »New Directions« ein spätes Debüt als Leader vorlegte. In den 14 Jahren hat sich der auch als Professor am Jazzinstitut der Kunstuniversität Graz lehrende Saxofonist zu einem umtriebigen Musiker entwickelt, der seitdem mit seinen verschiedenen Konzepten für kammermusikalische Besetzungen bis Jazzorchester, für sein Quintett Songlines ebenso wie für die von ihm mitgeleitete Jazz Bigband Graz auf dem Jazz–Circuit aufhorchen ließ. Acht Jahre jünger als von Kalnein ist der in der Schweiz geborene Gregor Hilbe. In den Elektro–Szenen von Paris und London konnte der Schlagzeuger einschlägige Erfahrungen sammeln, mit denen er sein stets am Klang orientiertes, Groove–betontes Spiel auf dem Drumset und den Percussions um elektronische, digitale Soundsphären erweitert — wie eben auch in Songlines oder in der Jazz Bigband Graz. Der Jüngste in diesem Dreier ist der 1980 in Welten im österreichischen Burgenland geborene Christian Bakanic. Obwohl noch nicht einmal 30 Jahre alt hat er ein Studium als Lehrer für Volksinstrumente ebenso erfolgreich hinter sich gebracht wie eines für klassisches Akkordeon an der Kunstuniversität Graz — und spielt zurzeit in den in Österreich so erfolgreichen »Jazz–Folk–Crossover–Comedy–Volksmusik«–Bands Beefolk und Folksmilch.

Presence

Das musikalische Ergebnis von »Global Dialects« stellt aber mehr als nur die Summe der Erfahrungen der Musiker von KAHIBA dar. Und ist auch mehr als als nur die Summe der Stilistiken, wie sie auf dieser CD mal mehr, mal weniger deutlich zu Tage treten. Bleibt man an der Oberfläche der Musik, so lässt sich zwar schon dort ein überaus virtuoses und erfrischendes Experimentieren mit Versatzstücken verschiedener Gattungen beobachten: mit lateinamerikanischer Musik, mit Tango Nuevo und Música Popular Brasileira, mit frei improvisierter Musik wie auch mit europäischer »Folklore Imaginaire« — und natürlich mit Jazz US–amerikanischer Prägung.

Doch erst dann, wenn man unter die Oberfläche kommt, wenn man zum Kern der spannenden Improvisationsmusik von KAHIBA vorstößt, begreift man, was in den neun Kompositionen von »Global Dialects« tatsächlich passiert und warum von Kalnein, Hilbe und Bakanic so tiefgreifend miteinander kommunizieren. Der Duktus der Musik ist stets melodisch, ohne gefällig oder beliebig zu sein. Die Harmonik ist farbenprächtig — und deckt eine breite Palette von Stimmungen und Emotionen ab. Die Rhythmik ist vielschichtig — und bleibt aller Komplexität zum Trotz unterstützend und verständlich. Und mit digital erzeugten Sounds und Grooves erweitert Gregor Hilbe sachte und behutsam dann auch noch das eh schon breite Klangspektrum von KAHIBA. Alle Drei legen Wert auf ein antizipierendes Interplay, die Jazz–typische Abfolge »Thema–Chorus–Chorus–Thema« findet auf »Global Dialects« nicht statt.

Die Drei haben sich bei der Produktion der CD im Studio ein Refugium geschaffen, in dem sie vertrauensvoll ihre persönlichen wie musikalischen Wurzeln offenlegen konnten. Dort fanden sie Zeit und Muße, um einen Diskurs über Musik im Allgemeinen auszutragen und sich ebenso über das eigene kulturelle Terroir auszutauschen wie über Produktionsmittel und –methoden. Mit dem Ziel, im Studio einen kreativen Prozess anzustoßen, der nun mit »Global Dialects« an der Oberfläche Wellen auslöst.
Und noch ein weiterer Grund macht dieses Album bemerkenswert: Heinrich von Kalnein greift nach langen Jahren wieder zum Tenorsaxofon. Und es stellt sich ein überraschener Effekt ein: Von Kalnein, der sein bisheriges »Hauptinstrument«, das Alt, auch mit dem Gestus eines Tenoristen gespielt hat, bläst das Tenor nun mit der Leichtigkeit und Seele eines Altisten. Wie zum Beispiel in »Prism«: Über eine tangoeskes Piano Riff setzt sich eine Entwicklung aus Geben und Nehmen der Protagonisten in Gang, die zum Schluss der Nummer in eine expressive, überaus funky gespielte Coda mündet — mit von Kalnein auf dem Tenorsaxofon wie weiland Julian »Cannonball« Adderly auf dem Alt. Und nicht zu vergessen: Von Kalneins Wahl des Tenors ist auch ein Rückgriff in die eigene Biografie. Wohl auch deshalb klingt „seine“ Musik auf „Global Dialects“ so persönlich und emotional.